Corona-WG, Tag 5: Ein freier Tag in Zeiten von Corona

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Heute war ein freier Tag. Wenn mein Vertrag nicht nächsten Monat auslaufen würde, hätte ich ihn verschoben. So kann ich aber ausschlafen, was sehr gut ist. Es ist eigentlich wie jeder andere Tag, den wir am Wochenende im Wohnheim verbringen. Ausschlafen, lesen, rumhängen, frühstücken. Nur jetzt kann ich auch zocken. Wenn das mal keine coole Sache ist. Außerdem genieße ich Kultur, um nicht dauernd twitter oder facebook zu checken. Es ist unglaublich, wie viele Menschen gerade ihre Arbeiten ins Internet packen, damit wir alle uns ablenken können.

Als Journalistin informiere ich ja nicht nur die Leute, sondern unterhalte sie auch. Ich habe mir aber diese Woche die Frage gestellt: Ist das nicht alles gerade sehr trivial? Ja und Nein. Information ist wichtig. Aber man sollte sich auch ablenken und anderen Menschen zu eben dieser verhelfen. Es ist fatal, dass gerade so viele Künster*Innen um ihre Existenz bangen. Auf der anderen Seite ist es auch eine große Chance, dass die Menschen gerade jetzt mehr damit in Berührung kommen, Dinge entdecken, für die sie vorher keine Zeit hatten.

Einer dieser Künstler ist Tibor Baumann. Er ist Autor, Filmemacher und ein guter Freund von mir aus Studizeiten. Außerdem kann er sehr gut vorlesen. Eine Lesung seines ersten Buches “Drei Minuten für jeden” findet ihr übrigens hier: https://galeriebernsteinzimmer.podspot.de/post/radio-bernstein-no-69-tibor-baumann-drei-minuten-fur-jeden/

Eine Stunde und fünfzehn Ablenkung für jeden.

Abgelenkt hab ich mich heute auch beim Einkaufen. Es war mein erster Einkauf seit Freitag und ich muss sagen, es war ein Wechselspiel der Gefühle. Es waren sehr viel weniger Menschen unterwegs. Viele davon haben relative Normalität ausgestrahlt. Ich habe mich selbst dabei ertappt, wie mir etwas unwohl wurde, wenn sich jemand mit genähert hat. Im Supermarkt war zwar auf den Gängen mehr Platz, aber vielen war der Abstand irgendwie herzlich egal. Seltsam. Die Regale halb leer. Aber zum Glück gibt es noch Bier.

Heute Vormittag habe ich meinen neuen Job zugesagt. Ob ich eine Wohnung finde? Keine Ahnung. Ob ich umziehen kann? Kein Plan. Ob ich ganz alleine in einer neuen Stadt anfangen kann? Unklar. Aber es gibt mir das Gefühl, dass ich noch etwas entscheiden kann. Be the Captain of your own ship!

Der Große und ich hab gestern Abend darüber gesprochen. Er ist ein introvertierter Mensch, der wenig teilt. Ich dachte, das wäre bei mir anderes, aber ich habe gelernt, damit umzugehen, dass ich ihn nach Dingen fragen muss. Ich muss ihn fragen, wie es ihm geht und was ihn beschäftigt. Ich muss ihn, wenn ich seine Meinung zu einem Thema wissen möchte, direkt danach fragen. Manchmal ist es frustrierend. Es gab mir lange das Gefühl, dass er sich nicht für mich interessiert. Das geht mir heute manchmal noch so. Es ist schwer, ein Leben mit jemandem zu teilen, dem die Motivation für alles fehlt, was nicht gerade das tägliche Überleben ist. Seit knapp zwei Jahren hält bei ihm die permanente Motivationslosigkeit an. Er weiß nicht, was er mit seiner Zukunft anfangen soll. Ob er sein Studium beenden wird und was dann passiert. Ich hatte immer zumindest einen groben Plan, was ich machen möchte. In den letzten Wochen habe ich zum ersten Mal wirklich verstanden, wie es ihm geht und ich muss sagen: Holy Fuck.

Heute Abend habe ich die Koch-Duty übernommen und diesen relativ normalen Tag in der Corona-WG genossen.

-Lea K.

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