Zum Thema Schrödinger und Kasten hat auch Phil Einiges zu sagen. Hierzu ein kleiner Auszug aus Kapitel 4 der Kastenwesen Trilogie:
Niemand würde es zugeben oder beschreiben können, doch da ist ein Wechsel in der Atmosphäre in diesen nächsten Tagen. Vielleicht liegt es an der ungewohnten Konzentration, mit der sich jedes Kastenwesen seiner Arbeit widmet. Vielleicht stecken andere Phänomene dahinter, ältere und düstere. Ein Umschwung liegt in der Luft, als ob der Wechsel der Jahreszeiten auf einmal wieder spürbar geworden wäre. Selbst Dimitroffs heimlicher Vorrat von Methamphetamin kann nicht davon ablenken.
Lukas und Kilian spüren es, wenn sie mit den Dobrej Druzja in den glühenden Himmel aufsteigen, wenn sie in der Ferne die Auswüchse des Betonfriedhofs sehen und die milchweiße Staubglocke, die sich über die Stadt gestülpt hat. Jedesmal, wenn sie sich in Spähposition begeben, in Position gehalten vom ruhigen Summen der Schiffsmotoren, wartet sie dort, am Horizont. Ein weißes Rauschen, in dem Gegenwart und Zukunft aufgehört haben, zu existieren. Der Staub weiß, dass sie kommen werden und er wartet auf sie. Anders als sie fürchtet er sich nicht vor der Begegnung. Er war schon immer hier, auch wenn er für seine Befreiung auf die Apokalypse warten musste. Und es ist nicht nur der Staub. Die ganze Stadt signalisiert ihnen, dass sie in Ruhe gelassen werden will. Nachts sind da die Lichter, ganze Trassen von Licht, wo die Autobahnen und Schnellstraßen in die Stadt führen. Eine klar gezogene Linie, die sagt: Bis hierhin und nicht weiter. Und darüber die Staubwolke, die in dem künstlichen Licht pulsiert. Dieser Sachse hat sich sein eigenes Museum gebaut, in dem Besucher unerwünscht sind.
Auch Philip spürt, dass sich seine Gedanken immer mehr mit der dunklen Seite seiner Raumtheorie beschäftigen. Die Vorstellung von weiteren, n-dimensionalen Räumen hat zwar seinen Reiz, was die Fülle von Möglichkeiten anbelangt, doch gibt es da auch noch die Schattenseite. Sichtbarkeit ist eine Frage der Beleuchtung. Von seinem natürlichen Rhythmus ist der Mensch dem Tag zugeneigt; seine Lebenswelt setzt sich größtenteils aus den Dingen zusammen, die direktem Licht ausgesetzt sind. Seine Lebenswelt setzt sich aus drei Dimensionen plus der Ahnung zusammen, dass es da draußen noch mehr geben könnte. Dabei weiß er gar nicht, wie gut er es hier, in der Dreidimensionalität, eigentlich hat, beschränkt auf die Gegenwart, isoliert von der Gefahr, dass Vergangenheit und Zukunft jederzeit über ihm zusammenstürzen könnten. Riemann wusste schon, worauf er sich einließ, als er der euklidischen Geometrie eine Abfuhr erteilte. Vielleicht gibt es auch gute Gründe, warum sich der Zugang auf diese weiteren Dimensionen so effektiv dem Zugriff entzieht. Die Dreidimensionalität als Schutz wurde in der Philosophie bisher weitgehend ignoriert. Und jetzt dieser Kasten mit seiner geradezu mystisch anmutenden Eigenart, mehr Materie aufzunehmen, als man ihm zutrauen würde. Kann es Zufall sein, dass die Büchse der Pandora meistens als kastenähnliches Gefäß dargestellt wurde? Gut, eigentlich Blödsinn, wenn man bedenkt, dass diese Vorstellung in erster Linie durch einen Fehler bei der Übersetzung von Hesiods Ursprungsmythos zustande kam, bei dem es noch um einen Krug ging – aber das ändert nichts an der Tatsache, dass der Kasten an sich bereits deutlich die Nähe zum Tesserakt aufweist, diesem Standardbeispiel des Würfels in vier Dimensionen. Was also, wenn diese legendäre Büchse gar nicht der Ursprung allen Übels ist, sondern das Öffnen derselbigen vielmehr im übertragenen Sinne gemeint war? Riemanns Theorie zufolge würde es nicht mehr um die eine, kontextuell gebundene Büchse gehen, sondern um die Büchse an sich, jene prototypische Büchse, die losgelöst von zeitlicher Begrenztheit schon immer da war, inklusive all der unausgeschriebenen Schrecken, die hinter dem Schutzwall der Dreidimensionalität lauern könnten. Das Öffnen der Büchse, das Hineingreifen in eine Dimension, die womöglich nicht für uns gedacht war … doch ließ Pandora dabei nicht auch die Hoffnung frei? Warum taucht der Kasten dann also in einer Zeit auf, in der die meisten Menschen ihre Hoffnung bereits in den Wind geschossen haben? Riemann, wir sind noch nicht fertig miteinander. Zur Sicherheit ändert Philip seinen Desktophintergrund auf ein Porträt des genialen Vollbarts.
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