Corona-WG: Frustrierend As Hell

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Mittlerweile hab ich mich so ans Gammeln gewöhnt, ich glaub ich weiß gar nicht mehr, wie man irgendwas machen soll, außer in Jogginghosen zu existieren, zocken, Serien schauen und essen. Wie machen Menschen das, die länger nichts zu tun haben? Ich versuche jetzt jeden Tag vor 11 Uhr aufzustehen und irgendwas zu machen. Mit dem Arbeitsamt zu tun zu haben ist einfach super frustrierend. Ich versuche seit über einer Woche meine Wohnungsamts-Person zu erreichen, das Arbeitsamt sagt dir nämlich nicht wirklich, was du tun musst, wenn dein Arbeitslosengeld nicht reicht. Ich hab irgendwie gehofft, dass sie mit dem Bescheid ’n Zettel mitschicken, auf dem steht “Ihr Arbeitslosengeld reicht ja nicht mal für Miete und Essen für einen Tag, hier ist, was sie sonst tun können…” Der Zettel existiert leider nicht. Ich hab also zwei Optionen: Wohngeld oder Hartz4, damit ich meinen sehr bescheidenen Lebensstandard aufrechterhalten kann. Für Wohngeld muss mein Mitbewohner einen Strip hinlegen und außerdem müsste ich erstmal irgendjemanden da erreichen. Die Dame vom Jobcenter hat mich am Telefon gefragt, ob ich Unterhalt von meinen Eltern bekomme. Ich meine, ich bin 30 Jahre alt und ich bekomme knapp 470 € Geld vom Amt. Was glauben die Leute denn, wie man leben soll? Meine Tante hat mir für diesen Monat ausgeholfen, aber wahrscheinlich wird das Amt sagen: Warum sollten wir Ihnen Geld geben, es gibt ja offensichtlich Leute, die Ihnen Geld geben können. Oh Mensch, dieser Sozialstaat meint’s ja gut, ist aber super schlecht darin, mir wirklich weiterzuhelfen. Auf meinem WG-Konto ist noch Geld für Nebenkostennachzahlungen oder falls was kaputt geht. Das wird die aber wahrscheinlich nicht interessieren, weil es ist ja Geld und das ist auf einem Konto mit meinem Namen drauf. Es ist frustrierend.

Dazu kommen Selbstzweifel, was ich eigentlich machen soll mit meinem Leben. Arbeiten wäre nett, aber wo und was? Kann ich überhaupt was? Ich denke schon, aber ich bin mir nicht mehr sicher. Was ich gut kann, ist auf jeden Fall gammeln und rumhängen und selbst das ist frustrierend.

Ich dachte immer, mit 30 bin ich alt und hab das Leben endlich verstanden und bin an einem Punkt, an dem zumindest vieles passt. Aktuell passt irgendwie nix, ich bin nur zu faul, überhaupt irgendwas zu machen. Außer natürlich um 16 Uhr ein Glas Wein einzuschenken, weil ich muss ja feiern, dass es 16 Uhr ist und dass wieder ein Tag halb geschafft ist. Life pretty much sucks right now.

Der Lockdown wird wohl bald Geschichte sein, die Frage ist nur, für wie lange. Am Montag haben die Friseur-Salons aufgemacht. Ich versuche wirklich Verständnis für Leute aufzubringen, die sofort einen Termin brauchen, als wäre das die wichtigste Sache der Welt. Ich meine, es ist gut, dass die Läden wieder aufmachen können und hoffentlich nicht mehr so sehr um ihre Existenz bangen müssen. Auf der anderen Seite, gibt es nichts Wichtigeres, was ihr zu tun habt? Scheinbar nicht. Naja, vielleicht die Bundesliga, die scheint ja aktuell sehr wichtig zu sein. Und natürlich die Autoindustrie, die jetzt auf jeden Fall Hilfe braucht. Auf Boni verzichten ist ja nichts für diese Leute. Bestes Zitat hab ich bei der Tagesschau gefunden: “Auch moderne Verbrennungsmotoren lieferten einen ‚erheblichen Beitrag für Umwelt- und Klimaschutz‘, sagte VDA-Präsidentin Hildegard Müller im Deutschlandfunk.”

Was bleibt mir da anderes übrig, als mir einmal kräftig mit der flachen Hand gegen die Stirn zu hauen? Ah, es ist 16 Uhr. Ich schenk mir dann doch einfach noch ’n Glas Wein ein.

-Lea K.

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