Ein alter Text zum nicht mehr so neuen Thema – besser spät als nie

Parabelflug

Ich falle. Was macht man, wenn man fällt? Wie hilft man sich? Ist es dann schon zu spät für Hilfe – wenn man über diesen Punkt hinaus ist, den Wendepunkt? Ich war ganz oben, und ich wusste bereits, dass ich irgendwann hinabfallen würde. Ich wusste es. Vielleicht gab es deswegen nie etwas, was ich dagegen tun konnte. Und ich wollte mir mein Gefühl da oben nicht mit Angst verderben. Und jetzt falle ich, und Fallen ist noch schlimmer als schon am Boden zu liegen. Denn der Aufprall kommt erst noch. Und – vielleicht wird es gar nicht schlimm, und es werden nur ein paar Knochen brechen und es wird ein paar Abschürfungen geben und ein paar blaue Flecke. Hoch schwebt es sich von ganz allein. – Das seltsame ist, ich weiß nicht, ob ich zurück will, nach oben. Um hinauf schweben zu können, muss man alles öffnen und alles herauslassen. Und gleichzeitig muss man alles in sich aufnehmen und aufsaugen. Es war schwer und leicht zugleich, und traurig und schön. – Ich glaube nicht, dass ich das jeden Tag machen kann –  Dort oben ist die Luft nicht dünn, sondern sehr konzentriert, voller Sauerstoff. Die Adern weiten sich, das Herz schlägt schneller, die Pupillen ziehen sich zusammen. Alles strahlt. Der Körper wird von Wellen mitgerissen, Anspannung und Entspannung wechseln sich ab, in kurzen, rhythmischen Intervallen. Das Zeitgefühl verschwindet, es ist nicht auszumachen, ob sie rast oder in Zeitlupe vergeht. Alles was unter mir liegt, findet vielleicht sogar überhaupt nicht mehr statt, Zeit ist überhaupt keine messbare Größe mehr, die eine Rolle spielen könnte. Die Raum/Zeit-Koordinaten treffen sich in einem Punkt, in dem sich beide Werte gegenseitig aufheben: Nicht definiert! Innerlich schlage ich einen Purzelbaum nach dem anderen und versuche den Moment herbeizuführen, in dem sich der Unterkörper mit dem Kopf verbindet und ich zu einer Kugel werde, in dem jeder Teil meines Körpers mit jedem anderen Teil verbunden ist. Und ich bin nicht allein. Zwei ineinander verschränkte Hände bilden nur das Pars pro toto zu einer weiteren, größeren Verschränkung, die auf allen Ebenen stattfindet, sowohl körperlich als auch in Gedanken. Der eine bildet den Resonanzkörper für das Neuronenfeuer des anderen und feuert so auf gleiche Weise zurück. Der Körper wiederum drückt sich gleich einem Fußabdruck in den Gedankensand. Vergeblich kämpfe ich um einen zufälligen Augenblick, in dem sich die Spuren der Ereignisse auf den Körpern abzeichnen lassen, aber die Körper sind zu widerstandsfähig. Da hat die Natur mit ihrer Planung versagt, dass der Kopf die Ereignisse nur in Gedanken mitschreibt, der Körper aber nichts davon erzählen kann. An ihm lässt sich die Wirkung  gesprochener Worte nicht ablesen. Aber wie kann das sein, wenn er solchen Kräften ausgesetzt ist, dass es ihn eigentlich zerreißen müsste? Er sollte dem Geist nachfolgen und sich zerstäuben in kleinste Einzelteile, um dann schließlich überall gleichzeitig und immer und ewig zu sein! Und das immer in dem Bewusstsein, dass es nur noch zurück hinab gehen kann. Und das geht es. Wie soll der Geist diesen Zustand aufrecht erhalten, diesen Zustand der Täuschung über die eigene Beschaffenheit? Seine Materialität, seine Ganzheit, seine Abgeschlossenheit, seine Gebundenheit an physikalische Gesetze, diese ganzen albernen Tatsachen? Der Aufschlag auf den Boden wird bestimmt hart – –  härter als gehofft, so hart wie befürchtet. Die Fallgeschwindigkeit beschleunigt sich auf die üblichen 55 Meter pro Sekunde, die nicht mehr überschritten werden. Und während ich falle, frage ich mich, warum das passiert. Kann es nicht vielleicht sein, dass ich aus eigenem Willen gesprungen bin, dass mein Sturz selbstverschuldet ist? Die Kategorien, die ich für einen Moment hinter mir gelassen hatte und die ich für mehr als überflüssig hielt, brauche ich sie doch? Die alten, kleinen, miesen Gefühle haben mich bald wieder, in dem Augenblick, wenn ich den Boden berühre. Von hier aus kann ich sie schon sehen, wie sie sich da unten tummeln und von Sekunde zu Sekunde näher kommen. Gleich sind sie da – gleich bin ich da – gleich bin ich – gleich – gleich – .

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2 Responses to Ein alter Text zum nicht mehr so neuen Thema – besser spät als nie

  1. Der Lukas says:

    Wir brauchen dringend irgendwann in diesem Jahr eine neue Vernissage, wo ich diese ganzen Texte dann mal Live hören möchte. Kommt mir vor, als wäre das der Gegen-Vogl, die Anti-Wolkenhaftigkeit, die Apologie auf die Dinghaftigkeit der Möwe, ein Schutzschild gegen Mannigfalitiges, Zersplittertes und Schwärme: ein fallender Körper, alleine mit sich, ein geschlossenes System, bis der Boden kommt.

  2. Phil says:

    Bittersüße Erinnerungen, die sich seltsamer Weise immer an Dingen jenseits und außerhalb des Körpers, nie an oder in ihm selbst fixieren – wie zum Beispiel an und in Texten.

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