Corona-WG, Tag 10: Verarsche und Illegales

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Heute habe ich etwas Verbotenes getan. Naja, nicht richtig verboten, aber irgendwie unmoralisch. Heute Abend waren der Große und ich bei Freunden in der WG kochen. Ich fühle mich auf der einen Seite sehr schlecht und auf der anderen Seite verwegen und großartig. Aber ein schlechtes Gewissen ist unsinnig, denn ich hab’ es so oder so getan und bin bewusst ein Risiko eingegangen. Deswegen muss ich jetzt, so oder so, zu meiner Tat stehen. Ich muss ganz ehrlich sagen, es hat richtig gut getan und sich gut angefühlt, mit mehr als einer Person zusammen zu sein und über alltägliche Sachen zu sprechen. Einfach mal in der Küche Musik hören und Gemüse schnibbeln und dann richtig gut essen.

Der Rest meines Lebens ist wieder von Unsicherheit überlagert. Ich habe heute meinen neuen Arbeitsvertrag bekommen und ich war geschockt. Sowas habe ich noch nie gesehen, eine Sechstagewoche, 26 Arbeitstage Urlaub und jedes Wochenende ein Tag arbeiten oder alle zwei Wochenenden zwei Tage. Und das für 2.200,-€ brutto. Ich habe das Gefühl, die wollen mich veraschen und ich lasse mich nicht gern verarschen. Ich bin 30 Jahre alt und habe seit knapp 10 Jahren immer wieder berufliche Einschnitte gehabt, in der Systemgastro gejobbt, in der Pflege und in einer Jugendeinrichtung ohne Tarif. Von meinem Volontariat und den Bedingungen dort möchte ich gar nicht erst anfangen. Jetzt ist genug! Ich habe nicht umsonst einen Masterabschluss und eine journalistische Ausbildung gemacht, um mich dann abziehen zu lassen!

Der Nachmittag und frühe Abend war also gefüllt mit Textnachrichten und Telefonaten. Einige meiner Freunde wissen einfach besser über sowas Bescheid; und mit denen und meiner Betreuerin vom Arbeitsamt habe ich einen Schlachtplan verfasst und werde morgen mit meinem Vielleicht-neuen-Chef telefonieren. Wenn er den Bedingungen nicht zustimmt, werde ich den Vertrag nicht unterschreiben. Nach den Gesprächen mit Freunden fühle ich mich bestärkt. Knapp 6 Stunden später habe ich Angst. Ich habe Angst vor der Konfrontation. Ich habe Angst davor, unverschämt zu wirken. Ich habe Angst, für mich selbst einzustehen. Aber was soll schon passieren? Dann bin ich arbeitslos. Ok, nicht die geilste Aussicht, aber eine bessere, als sich schon wieder im System verheizen zu lassen. Ich hab’ da keinen Bock mehr drauf und ich bin wütend. Ich bin so wütend, dass die Menschen glauben, dass sie mich für dumm verkaufen können. Ich bin wütend, dass ich mich mit sowas beschäftigen muss. Ich sehe aber auch die Chance, dass ich daran wachse. Wann ist das Leben noch mal so schwierig geworden? Lange hatte ich keinen Plan, was ich machen möchte. Dann irgendwann kam der Moment, an dem ich wusste, wohin es gehen soll. Ich bin Kompromisse eingegangen, habe gelitten, habe sieben Tage die Woche gearbeitet, habe mich verheizen lassen. Das alles für meinen Traum, richtige Journalistin zu werden. Eine Art Karla Kolumna. Die wollen mein Know-How, meine Skills, aber mich nicht richtig dafür entlohnen, das ist doch bitter, dass mensch diese Kämpfe immer wieder führen muss. Aber morgen werde ich mich dem Ganzen stellen und hoffen, dass es mich weiterbringt.

-Lea K.

 

 

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3 Responses to Corona-WG, Tag 10: Verarsche und Illegales

  1. Der Lukas says:

    Uuuuuuh, ich drücke hart die Daumen! Wir werden ja dankenswerterweise erfahren können, wie es ausgegangen ist, toi toi toi!

  2. Vera says:

    ja, daumen sind gedrückt!

    ansonsten: gewerkschaften gucken auch über arbeitsverträge, falls du noch einen input brauchst…

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