Geteilte Blicke

Vor dieser Stadt, auf einer Höhe, steht jemand mit weitem Blick; die Beine müde – der Weg war lang. Nun ist sie da, die Stadt, mit ihren vielen Lichtern,

tausend Gassen

tausend Straßen

tausend Pfaden

und kein Ende ist mehr in Sicht.

Wohin es geht, wohin es strebt, das weiß man nie vorm ersten Schritt. Und jeder eingeschlagene Weg lässt andre hinter sich zurück. Diese Person dort auf der Höhe könntest du sein oder ich, zwei Schnitte durch die Möglichkeiten, zwei Wege durch das Stadtdickicht.

Wenn ich von dort hinunterblicke, sehe ich Netze in der Nacht: Von jedem Knoten strömen Punkte, treffen sich und schwärmen aus, ein Leuchten und Flirren in der Dunkelheit, bilden Spektren und Kanäle, Erfahrungen und Träume auch.

Diese Bilder einzufangen scheint unmöglich, ohne Sinn, ein Kampf gegen den Lauf der Zeit und eitel fast, als Zeitvertreib.

Wie wäre es stattdessen, wenn wir unsere Blicke teilen könnten, gemeinsam eintauchen in das Netzwerk, weitere Punkte, getrennt und doch verbunden, unterwegs auf den Kanälen, geheimen Straßen, ständig im Fluss, jeder für sich auf der Suche nach Bildern, Eindrücken, Schnappschüssen dieser Nacht, ein Hin- und Herwabern im Datenstrom, durch Hinterhöfe und Hintertüren in die Versorgungstunnel der Bühnenhäuser, wo du im Neonlicht Gesprächen der Techniker lauschst, dann den Schienensträngen entlang den Straßenbahnen hinterherjagst zu einer weiteren Aufführung, dich vorbeischleichst an Warteschlangen und Logenschließern, du drahtlos durch die Ränge springst von Display zu Display und schließlich wieder in die Nacht entkommst, dich entlanghangelst an Leuchtstoffröhren, hinauf an den Fassaden in einen Himmel, den wir noch nicht beschreiben können.

Dann würde sie uns gehören, diese Nacht und viele weitere, fassbar geworden durch unsere Hände und Blicke, virtuell und reell, ein Schnitt durch parallele Zeiten, ein Abriss dieser Nacht.

English Version:

Right in front of the city, on a hill, there’s someone standing and looking into the distance. The legs are tired – the journey was long. But now there she is, the city, with her countless lights,

countless alleys,

countless streets,

countless pathways,

and there’s no end in sight.

There’s no way to tell where the journey goes before the first step. And every path taken means several others left behind. This person standing on that hill could be you or could be me, two directions cutting through all those possibilities, two paths through the urban undergrowth.

When I’m looking down from there, I can see webs in the night. And from every node there are dots flowing outwards, and sometimes they meet and then they swarm again. There’s a glow and constant shimmer in the dark, a movement that forms spectrums and canals, experience and sometimes dreams as well.

What if we could share our perspectives instead, dive into the network together, become further dots, separated but connected, on our ways through the canals, secret passages, always changing, each individually searching for impressions, snapshots of this night. Back and forth in the datastream, through backyards and back entrances into the maintainance tunnels of the different stages, where you can eavesdrop on the technicians in the neon-light; then you follow the rails chasing street cars on their way to the next performance. There you will sneak past waiting lines and box-keepers, jump across the balconies from display to display and finally escape into the night again, to climb upwards across fluorescent tubes, to rise above the storefronts into a sky that we cannot yet describe.

Then it would be ours, this night and many more, which have become more physical by our hands and perspectives, virtual as well as real, a jump-cut through parallel times, a compendium of this night.

0
This entry was posted in Textliches and tagged . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *